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50 Jahre – Die Jugend bei SC Hansa

„Wer die Jugend hat, hat die Zukunft“ heißt es in einem bekannten Zitat. 50 Jahre nach der Gründung der Schachabteilung beim Ruderclub „Hansa“ spürt man den Wahrheitsgehalt dieses Spruchs besonders.

Als zur Jahreswende 1973/74 sich einige Schachfreunde im Bootshaus des ältesten Dortmunder Ruderclubs trafen, waren keine Jugendliche darunter, sondern gestandene Männer und eine Frau, Inge Krüger.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ)/22.1.1974

Bereits in den Startlöchern war es den Verantwortlichen um den ersten Vereinsvorsitzenden Klaus Neumann klar, dass der Verein auf Dauer nur durch den Zuzug von Jugendlichen in den folgenden Jahrzehnten existieren könnte. Es dauerte jedoch fünf Jahre, bis Hansa die erste Jugendmannschaft um die Zwillinge Romuald und Gregor Mainka (damals 15 J.) aufstellte und zum Spielbetrieb anmeldete.

Infoblatt Ruderclub „Hansa“/1979

Dass die beiden zuerst namentlich erwähnten Jugendlichen besonders talentiert waren, mag Zufall sein, gewiss war aber die Anziehungskraft der neugegründeten Schachabteilung in der Umgebung enorm.

ISE 8/1982: Zwillinge Mainka bei der 36. Deutschen Jugendeinzelmeisterschaft 1982 in Dortmund. Romuald Mainka wurde 1993 Großmeister und spielte im Kader des Bundesligateams der Hanseaten.

Die Hanseaten waren seinerzeit Ausrichter der „Internationalen Dortmunder Schachtage“, veranstalteten jährlich ein Einladungsturnier mit namhaften regionalen Spielern zu Gast und das Flaggschiff stieg Saison für Saison in die nächsthöhere Liga auf. Der Entschluss lag nahe, als talentierte Jugendliche sich einem erfolgreichen Verein anzuschließen. Sicherlich ist der Gewinn des NRW-Pokals 1981 für den damals 18-jährigen Romuald Mainka (ab 1993 GM) ein besonderer Triumpf.

1981, vermutlich WAZ. Als Jugendlicher gewinnt Romuald Mainka mit Hansas Mannschaft den NRW-Viererpokal
Detlev Reinacher als Jugendlicher

Detlev Reinacher, seit 1981 bei Hansa, schreibt über den Beginn der neuen Dekade: „Ende 1980 besuchten ein paar Jugendliche aus der Hochhaussiedlung Brünninghausen die Schachgruppe von Reinhard Forthaus in der katholischen Gemeinde. Darunter waren vier, die später zum RC Hansa kommen sollten: Thorsten Westermeier, Thorsten Menzel, Ralf Bonse und ich. Im Dezember 1980 betrat ich die Räumlichkeiten des Ruderclubs und war fasziniert von der Atmosphäre und den anwesenden Schachgrößen.“

1980 ist aber auch ein historisches Jahr zum Thema „Schach, Jugend und Dortmund“, denn zum ersten und letzten Mal findet die Weltmeisterschaft des Nachwuchses in der Stadt Dortmund statt. Ausrichter: die Schachabteilung des Ruderclubs, Sieger: Garry Kasparov.

Ein wenig verlieren sich dann die Spuren der Jugendmannschaft in der ersten Hälfte der 1980er Jahre bei Hansa. Irgendwann wächst nun mal jeder Jugendliche aus dem Grenzalter heraus und die dezentrale Lage des Vereinslokals am Dortmunder Kanal war alles andere als ein Jugendtreffpunkt. Die Verselbständigung 1983 und der Umzug zum Kolpinghaus standen zudem im Vordergrund. Etwa zu dieser Zeit übernimmt Pit Schulenburg die Spielleitung des SC „Hansa“. Er erkannte das Manko und handelte gemäß dem Motto: „Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg zum Propheten“. 1984/85, an einem „Tag der offenen Tür“, gerüstet mit einem Schachbrett und Figuren, machte er sich auf die Suche nach Jugendlichen im Käthe-Kollwitz-Gymnasium und organisierte eine Schach-AG. Über diesen Weg gewann Hansa über einige Jahre viele Jugendliche, von denen der eine oder andere den Verein später geführt und geprägt haben und nahezu 40 Jahre später immer noch Mitglied des Schachclubs sind.

1985 wird das KKG Dortmunder Schulschachmeister, die Mannschaft besteht ausschließlich aus Jugendlichen von Hansa.

1987/Kolpinghaus: Pit Schulenburg mit den Jugendlichen Pouya Majdpour, Christian Trenkel und Wolfgang Düngen (Fotos: Trenkel)

Hansas Jugendabteilung war dank eines eigenständigen Trainings (soweit erinnerlich donnerstags) und der fast väterlichen Fürsorge der Verantwortlichen 1987 so zahlreich, dass ab 1988 sogar zwei Jugend-Mannschaften am Ligabetrieb teilnahmen.

1987 N²
1987/88: SC Hansa mit zwei Jugendmannschaften

Im selben Jahr, als die erste Satzung des Vereins verabschiedet wurde, hatte Hansas Jugend eine eigene Satzung und sogar eine ständige Vertretung im Vorstand. Einige Jugendliche übernahmen Ämter und Funktionen im gut organisierten Verein.

1987/Kolpinghaus: Der Jugendliche Christian Trenkel führt das Protokoll der Mitgliederversammlung. Links Klaus Neumann, Pit Schulenburg, rechts Thomas Brohl

Mitte 1989 verließ Pit, der große „Kümmerer“ und der Jugendwart, den SC Hansa und der Zufluss von Jugendlichen ließ nach. Roland Lucht und später Victor Franko leiteten Hansas Jugendabteilung, die immer wieder Erfolge vorweisen konnte.

Ruhrnachrichten/16.11.1994: Stehend Ulrich Martin Wolf, Andree Thormann, Jens Zelt, Wolfgang Düngen, Özgür Karadag, Sebastian Heinrichs, Hilke Rettig, ganz rechts Trainer Roland Lucht. Sitzend 2. v.l. Olaf Wegener (damals bei SF Berghofen-Wambel)

Zwei der Hansa-Jugendlichen aus den 1980er Jahren gelang es sogar, die Bezirkseinzelmeisterschaft der SG DO zu gewinnen. Wolfgang Düngen 1998 und Jens Zelt 2017. Letzterer wurde auch „Mr. Sommerschach“, als Rekordteilnehmer gewann er das Turnier vier Mal.
Aus unserem Archiv:
1998-10-10 DR Wolfgang Düngen neuer Stadtmeister.pdf
2016-08-19 RN Von 30 Turnieren keines verpasst – Jens Zelt Sommerschach.pdf
2017-03-01 RN Zelt ist neuer Bezirkseinzelmeister.pdf

Wann genau die letzte Jugendmannschaft des Innenstadt Clubs die Figuren übers Brett bewegt hat, ist selbst in der Vereinszeitung nicht dokumentiert. Es dürfte Ende der 1990er Jahre, kurz vor Klaus Neumanns Tod gewesen sein. Mitte 1999 debütiert ein Eigengewächs als wichtigster Amtsträger bei Hansa. Andreas Warsitz, 1985 dem Verein beigetreten, übernahm schon recht früh Verantwortung und kleinere Ämter, bevor er Mitte der 1990er zum Zweiten Vorsitzenden des Vereins gewählt wurde. Auch als Redakteur der Vereinszeitung trat er gewissermaßen in die Fußstapfen des Teilzeit-Journalisten und seines Vorgängers Klaus Neumann und belieferte später die lokalen Zeitungen mit unzähligen Berichten über Hansa.

Aber auch nach der Übernahme der Vereinsführung durch das Duo Andreas Warsitz als Vorsitzender und Werner Wilfried Jentzsch als Spielleiter (und Jugendwart der SG DO von 1982-88 und 2001-22) sucht man eine nennenswerte Anzahl von Jugendlichen bei Hansa vergebens. Zu abschreckend dürfte die unmittelbare Umgebung des Spiellokals Westfalenkolleg gewesen sein. Zudem fehlte der klassische „Kümmerer“ mit regelmäßigem Programm für Jugendliche. Auch der Beginn des Internet-Zeitalters spielte eine wesentliche Rolle dabei. Viele Schachfreunde und insbesondere Jugendliche saßen fortan lieber vor dem Bildschirm und erkundeten die (Schach)Welt bevorzugt digital als vor einem Holzbrett Platz zu nehmen. Selbst als Hansa Ende der ersten Dekade dieses Jahrhunderts mehr als 100 Mitglieder aufweisen konnte, spielt die Jugend faktisch keine Rolle. Bestens besuchte Spielabende und selbst ein Team in der 2. Bundesliga konnten Jugendliche nur vereinzelt überzeugen, Hansa beizutreten.

2014/Kolpinghaus: Jugendtraining mit dem Schachlehrer Babak Sohrabi († 2020)
2011: Arman und Arian Vosoghi bildeten das Jugendlichen-Duo bei Hansa zu Anfang der 2010er Jahre

Zaghafte Versuche, um wieder eine Jugendabteilung aufzubauen, gab es erst etwa ab 2010. Über zwei Jahre engagierte Hansa den Schachlehrer Babak Sohrabi (†), um wieder an alte Zeiten zu knüpfen, aber eine nachhaltige Wirkung hatte dies nicht.

Als 2011 Hansas Spitzenteam in die Schachbundesliga aufstieg, zog es – wie schon in den 1970ern – wieder ein paar sehr talentierte Jugendliche zu Hansa. Dortmunds jüngstes Talent, Patrick Zelbel und der Lemgoer Matthias Blübaum besetzten die „Jugendbretter“ des ersten SBL-Kaders. Mit dem damals 15-jährigen Alexander Donchenko spielte der jüngste deutsche Großmeister 2014-16 am Spitzenbrett unseres Flaggschiffs und Aryan Tari, der 2017 Junioren-Weltmeister wurde, ergänzte nach dem Wiederaufstieg in die SBL den Kader der „Erstklassige Krabbelgruppe im königlichen Spiel“. Auch Kevin Schröder hat als Jugendlicher über Hansa den Sprung in die SBL geschafft. „Jugend denkt“ und schnuppert wieder bei Hansa.

2016 zog sich Andreas Warsitz vom Vorsitz des Vereins zurück. Hansa I verzichtete trotz des sportlich erkämpften Klassenerhalts auf den Verbleib in der SBL. Die jungen Schach-Sternchen verließen Hansa danach auch, zwei von ihnen waren später die Nummer 1 in Deutschland. Zwei Wechsel des Vereinslokals zwischen 2013-16 brachten allerdings nicht den erhofften Erfolg und erst recht keine neuen Jugendlichen in den Verein.

Als 2020-21 die Pandemie das Vereinsschach beinahe Matt setzte, wurden die Versäumnisse der Vergangenheit sichtbar, nämlich ein rapider Mitgliederschwund. Zu sehr und zu lange hatte sich die Vereinsführung auf Spitzenschach und spielstarke Spieler und Titelträger fokussiert, zu wenig auf die Jugend und somit auf die Zukunft gesetzt und diese schien sehr ungewiss.

„Neuer Vorstand, neues Spiellokal, neues Glück“. So oder so ähnlich könnte man die postpandemische Entwicklung des SC Hansa beschreiben. Der ursprünglich erzwungene Umzug in den Westpark und der Wechsel ins Eugen-Krautscheid-Haus erwiesen sich als Glücksfall und gaben den Startschuss für den Neuanfang. Hansa hatte wieder ein Spiellokal mit schönen und sauberen Räumlichkeiten sowie einer vorzüglichen (Selbst)Verpflegung und vor allem mit einer netten und einladenden Umgebung. Es dauerte nicht lange und Eltern aus der Nachbarschaft oder Umgebung brachten regelmäßig ihre Kinder zum Schachtraining.

Seit 2016 wieder im Amt des Ersten Vorsitzenden führte Simon Krüger den Verein nicht nur durch die Krisen der Pandemie und den endgültigen Abschied vom Spitzenschach, sondern schuf mit einem regelmäßigen Jugendtraining die Basis für den regen Zulauf von jungen Schachfreunden zu Hansa. Nach dem Ende diverser Lockdowns und Online-Turnieren in der Quarantäne-Liga konnte man sich endlich wieder am analogen Holzbrett begegnen. Der Eindruck entsteht, dass gerade wegen der Kontaktbeschränkungen während der Pandemie der Wunsch zu persönlichen Begegnungen an einem Spielabend zu einer Sehnsucht gewachsen ist, insbesondere bei Jugendlichen und Heranwachsenden.

2022: Julia Sabat beim Jugendtraining

Das Jugendtraining vom „Kümmerer“ Simon Krüger – freitags von 17:30-19:00 Uhr – zeigt einen enormen Erfolg. Es sind wieder ein duzend Jugendliche regelmäßig bei Hansa, ähnlich wie vor 40 Jahren. Vielleicht gibt es ja bald, nach etwa 25 Jahren Abwesenheit, wieder eine Jugendmannschaft von SC Hansa im Ligabetrieb. Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass immer mehr Nachwuchs an den unterhaltsamen Vereinsabenden bei Hansa den Weg zum wunderbaren Denksport Schach findet.

Dann könnte der Verein beruhigt auf die nächsten 50 Jahre blicken, so wie es in einem weiteren Zitat (von Jose Rizal) heißt: „Die Jugend ist die Hoffnung unserer Zukunft“.

1987/2023 -Kolpinghaus/Eugen-Krautscheid-Haus: Vergangenheit, Gegenwart und hoffentlich die Zukunft. Pouya Majdpour, Christian Trenkel, Andreas Warsitz.

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