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Dortmund besiegt den FC Bayern München – und steigt aus der Bundesliga ab!

Dem verdutzenden Lesenden mögen einige Gedanken durch den Kopf gehen. Wie? Die Bayern sind doch Meister und Dortmund immerhin Vize. Oder doch im Frauenfußball!? Aber nein, da ist Dortmund längst nicht erstklassig. Passiert ist es dennoch vor ziemlich genau zehn Jahren, und zwar in der Saison 2015/16 der Schachbundesliga.

Diese begann am 19./20.09.2025 mit einem Paukenschlag im Dortmunder Rathaus. Mit „Alexander Der Große“ am Spitzenbrett und einer großmeisterlichen Aufstellung besiegte der Schachclub Hansa Dortmund in seiner dritten Bundesliga-Saison zunächst den Hamburger SK mit 5,5:2,5 und dann noch den SK Norderstedt mit 6,5:1,5. Die Nostalgiker unter uns haben die Tabelle nach dem ersten Spieltag aus der Zeitung ausgeschnitten und sich an die Wand geklebt.

Die Veranstaltung im Herzen Dortmunds war dank der Vermittlung von Gerd Kolbe zustande gekommen und zusammen mit dem zugleich stattfindenden Jubiläumsturnier des DSV 1875 anlässlich des 140-jährigen Bestehens das „schachliche“ Highlight des Jahres in Dortmund.

Parallel zu den Veranstaltungen stellte die Dortmunder Künstlerin Christiane Köhne einige spannende Kunstwerke aus. Es stimmte auch sonst einfach alles: unser Magazin zur Vorstellung des Kaders war rechtzeitig fertig, ein eigenes Online-Portal (erstklassig-denken.de) war eingerichtet, das Plakat hing überall in Dortmund und war online präsent, Flyer verteilt, unzählige Einladungen verschickt, die auswärtigen Spieler waren eingetrudelt und untergebracht, die Brötchen waren geschmiert und der Kaffee gekocht, die Technik der Übertragung stand stabil, ja sogar die Anzahl der runden und eckigen Tische stimmte exakt und tatsächlich strömten zahlreiche Besucher ins Dortmunder Rathaus, um den zweiten Erstligisten aus Dortmund und zwei Siege zum Auftakt zu bewundern.

Die Ernüchterung kam nach dem Wochenende, nachdem der Kleber an dem ausgeschnittenen Zeitungsauschnitt trocken war, denn allein an diesem Wochenende haben wir in etwa die Hälfte des avisierten Saisonbudgets ausgegeben. Und 13 Mannschaftskämpfte standen ja noch bevor. Um den finanziell ins Schwanken geratenen Verein nicht noch mehr Risiken auszusetzen, lautete die Lösung: Notbremse, und zwar finanziell, aber kein Ausstieg aus der SBL, weil dieser noch teurer geworden wäre.

Wie gut, dass wir einen sehr authentischen Kader mit namhaften Schachgrößen aus Dortmund und der Region und einen hoffnungsvollen Jugendlichen hatten, die mehr für die Ehre für den SC Hansa spielten als für „teure Küsschen“. Die Folge: Der SC Hansa setzte in dieser Saison nur 32-mal einen der Kaderspieler mit der Nr. 1-8 ein (bei 15 x 8 = 120 Partien) – darunter 11 Einsätze von Alexander Donchenko am Spitzenbrett – der mit Abstand niedrigste Wert in der Liga. So war es nicht verwunderlich, dass wir ab dem 3. Spieltag eine Niederlage nach der anderen hinnehmen mussten, darunter auch zwei Mal eine 1:7 Klatsche gegen Dresden und den späteren Meister Solingen. Doch zwei Unentschieden gegen Mülheim und Erfurt in der 6. Und 7. Runde zusammen mit den 4 Punkten aus dem Auftaktwochenende führten zu einem spannenden Kampf am vorletzten 14. Spieltag.

Am diesem Aprilsamstag hieß der Gegner FC Bayern München. Mannschaftspunkte hatte Dortmund bekanntlich 6 und die Bayern 4. Am darauffolgenden Sonntag hatten beide unbezwingbare Gegner. Also war klar, dass diese Begegnung über den Ligaverbleib entscheidet. Wer gewinnt, hält sportlich die Klasse. Wer verliert, ist abgestiegen. Eigentlich. Gesetzt war Alexander grundsätzlich am Spitzenbrett. Der damals 17-jährige machte während dieser Zeit einen Quantensprung seiner Schachkarriere und dürfte nach wie vor der jüngste Spieler mit der Kadernummer 1 in der SBL sein. Bemüht die KI nicht, die weiß es auch nicht! Er begann die Saison bombastisch mit 3 aus 3, konnte allerdings danach keine Partie mehr gewinnen, so auch nicht an diesem Tag. Auch 10 Jahre nach dem Abschied aus der SBL blickt der SC Hansa mit Stolz darauf zurück, dass mit Alexander Donchenko und Matthias Blübaum zwei deutsche Spitzenspieler in unseren Reihen gespielt haben.

Zurück zum Sieg und Klassenerhalt: Alexanders Niederlage sollte an dem Tag die letzte sein. An Brett 2 spielte unser „alter Schwede“ Emanuel Berg. Viele Jahre kämpfte der überaus sympathische Skandinavier für Hansa, darunter viele Jahre am Spitzenbrett. Für das Meistertraining am Vereinsabend und einen Fußballkick im Sommerfest war er sich nie zu schade, eine echte Bereicherung für den Verein. Emanuel gewann an diesem historischen Samstag seine vierte Partie im vierten Einsatz in der Saison.

Großmeister Heberla (POL) – auch ein „Meistertrainer“ am Vereinsabend – remisierte bei dieser Begegnung am Brett 3 und so lag der Ausgang dieser entscheidenden Partie in der Hand der lupenreinen Amateure mit den Rangnummern 9-17 an den übrigen Brettern.

Der sympathische Oberkommissar FM Ralf Kotter holte den nächsten halben Punkt. Für reichlich Erfrischung und Dynamik sorgte in dieser Saison ein noch titelloser Bengel namens Kevin Schroeder an unserem Jugendbrett. Mit der Frisur und Unbekümmertheit eines Schuljungen sorgte er für Furore und holte in der Spielzeit 4,5/7, an diesem Wochenende sogar 2/2 als er am Sonntag nach diesem historischen Mannschaftskampf den deutschen Großmeister Philipp Schlosser besiegte.

Kevin Schroeder und FM Ralf Kotter, der Rekordhalter der Deutschen Polizeimeisterschaft, der gegen den FC Bayern ein Remis holte.

Beim Stand von 3,5:2,5 sorgte ein waschechter „Dortmunder Jung“ für den nächsten vollen Punkt und den Mannschaftssieg. Mein persönlicher Lieblingsspieler IM Olaf Wegener war in den beiden Runden zuvor kurzfristig erkrankt und konnte nicht antreten, was ihn sehr ärgerte. Umso großer war sein Ehrgeiz, an diesem Tag für einen Mannschaftssieg gegen den FC Bayern zu sorgen. Alle Blicke richteten sich auf das entscheidende Brett, wo sich Olaf ein technisch gewonnenes Endspiel erkämpft hatte. Als sein Gegner ihm die Hand reichte (Titelfoto) war es klar: Der Schachclub Hansa Dortmund hatte den FC Bayern besiegt und die Klasse erhalten.

Den letzten halben Punkt lieferte der wohl besonnenste Spieler unseres Teams Frank Karger. Das 5:3 war eingetütet. Selbst 10 Jahre später freue ich mich übermäßig über diesen Sieg und vor allem über den sportlich erzielten Klassenerhalt, auch wenn es vor dieser Begegnung klar war, dass wir uns aus der SBL zurückziehen. Wenige Tage vor dem Wochenende erschien in den Ruhr Nachrichten ein Interview, in dem wir die Gründe für den anstehenden Rückzug angedeutet haben.

Mannschaftsführer Andreas Warsitz jubelt nach dem Sieg mit dem Schal des anderen Dortmunder Bundesligisten.

In Dortmund sind echte Sponsoren für einen Schach-Erstligisten nicht ausreichend zu finden, das Produkt „Schachbundesliga“ ist in der Öffentlichkeit unterrepräsentiert, um mit der Teilnahme daran zu werben und der persönliche Einsatz neben Beruf und Familie zu groß, um alles im Einklang zu bringen. Die Erfahrung brachte die Erkenntnis, dass nicht unbedingt Spitzenschach (bzw. „Bezahlschach“) die Attraktion eines Schachvereins für neue Mitglieder erhöht, sondern die Basisarbeit – insbesondere mit der Jugend – und ein attraktiver Vereinsabend.

Und dennoch ziehe ich retrospektiv eine positive Bilanz unseres Abenteuers Bundesliga. Hansa darf sich seitdem und vor allem nach dem 50-jährigen Jubiläum endgültig als „Traditionsclub“ betrachten. 1973 als Schachabteilung eines Ruderclubs gegründet haben die Hanseaten der ersten Stunde – allen voran Klaus Neumann – mit einem exzellent besetzten „Einladungsturnier“ in NRW für Schlagzeilen gesorgt, die „Internationalen Dortmunder Schachtage“ ins Leben gerufen, zehn Jahre veranstaltet und dazu noch weitere wichtige Schachereignisse wie 1980 die Jugend-Weltmeisterschaft mit dem Sieger Garry Kasparow, die Weltmeisterschaft der Frauen auf die Beine gestellt. Der Club hatte die erste weibliche Großmeisterin und Weltmeisterin Nona Gaprindaschwili zu Gast, danach zahlreiche namhafte Schachgrößen, die erste Delegation osteuropäischer Schachspieler nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland eingeladen und seine Heimat Dortmund in unzähligen Turnieren vertreten. Hansa ist der Rekordsieger in den meisten Disziplinen der SG DO und in 25 der ersten 50 Jahre war mindestens eine Hansa-Mannschaft in einer der ersten obersten 3 Ligen in Deutschland vertreten. So war die Teilnahme an der Schachbundesliga und der sportliche Klassenerhalt vor etwa 10 Jahren so etwas wie das Tüpfelchen auf dem „i“. Obendrein berechtigte die Teilnahme an der SBL den SC Hansa, einen eigenen Wikipedia-Eintrag zu haben, quasi ein digitaler Ritterschlag zum Traditionsverein.

Zurück zur Saison 2015/16: Nach dem sportlichen Klassenerhalt und dem angekündigten freiwilligen Rückzug aus der SBL gab es doch noch einige Bemühungen, Dortmund auch in Schach erstklassig zu halten. Ein Vorschlag war es, ein „Hansa“-Team nur mit jugendlichen Talenten aus ganz Deutschland ins Rennen zu schicken. Diese sollten dennoch ihre Spielberechtigung für ihre Heimatvereine behalten. Aber selbst dafür waren nicht genügend Sponsoren aus der Dortmunder Region zu finden und die Statuten des DSB und der SBL ließen es auch nicht zu. Es blieb beim Rückzug und dem Versuch, Hansa I zumindest in der 2. Bundesliga zu etablieren. Turbulente Jahre vor und vor allem während der Covid19-Pandemie raubten die letzten Kräfte und so beschlossen die Mitglieder 2023 endgültig den Rückzug aus Spitzenschach. Angesichts der signifikant gestiegenen Mitgliederzahlen, den sportlichen Erfolgen in der Folgezeit und der Meldung von weiteren zwei Mannschaften im Ligawettbewerb war es die richtige Entscheidung.

In der Schachbundesliga hat sich seitdem nicht allzu viel geändert. Die Präsenz in den non-chess-Massenmedien lässt immer noch zu wünschen übrig, jedenfalls hat wohl kaum jemand außerhalb der Schachwelt wahrgenommen, dass in der abgelaufenen Saison Viernheim mit einem Star-Ensemble aus aller Welt und der vollen Punktzahl 30/15 Meister geworden ist. Hier und da poppt alle paar Jahre der eine andere Mäzen auf, erst in Baden-Baden, dann in Düsseldorf und später in St. Pauli. Eine schlagkräftige ELO-Truppe wird zusammengetrommelt und im Namen eines Vereins wird um die Schale bzw. um den Titel gekämpft. Fällt der Mäzen flach, ist auch die Teilnahme an der SBL Schachmatt. So gab es auch diese Saison wieder zwei freiwillige Rückzüge von Wolfhagen (Dritter) und Deizisau (Fünfter), wodurch sportlich abgestiegene Mannschaften dennoch die Klasse gehalten haben.

Der SC Hansa blieb in jener Saison der einzige Dortmunder Bundesligist mit einem Sieg gegen den FC Bayern. Die schwarz-gelben Fußballer um Thomas Tuchel verloren in der Bundesliga in München 1:5, in Dortmund gab es nur ein 0:0 und im Pokalfinale eine Niederlage nach Elfmeterschießen.

Der FC Bayern verblieb nach unserem Rückzug in der SBL und ist seitdem auch nicht mehr abgestiegen. In der abgelaufenen Saison belegte der FC Bayern immerhin den 4. Platz, ist allerdings von den glorreichen Zeiten mit 8 Meistertiteln im vorigen Jahrhundert noch weit entfernt. Hoffentlich habe ich mit diesem Artikel – der ausschließlich meine persönliche Meinung widerspiegelt und nicht die des Vereins – nicht den Ehrenpräsidenten des FC Bayern auf die Idee gebracht, sich als Schach-Mäzen zu engagieren. Sonst wird womöglich der FC Bayern bald Deutscher Meister in einer weiteren Sportart, nämlich Schach!

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